Im Laufe des 19. Jahrhundert war Sport sehr beliebt bei Bürgern aller Schichten. 1848 gründete sich der Deutsche Turnerbund. Mit voranschreitender Industrialisierung und damit zunehmenden Gegensätzen von Bürgertum und Arbeiterschicht bekam die ehemals liberale Einstellung des Bürgertums einen nationalen Charakter. Dies hatte für die Arbeiterklasse tief greifende Konsequenzen. Zum einen wurde der Sport mehr und mehr auf Leistung ausgerichtet und verlor seine gemeinschaftliche und soziale Ausrichtung, zum anderen grenzte sich das Bürgertum immer stärker von der Arbeiterschicht ab. Diese war nur noch selten im Deutschen Turnerbund geduldet, oft sogar per Satzung aus den Vereinen ausgeschlossen.
Arbeiterbewegung und Vereinsgründung
Daher schlossen sich die Arbeiter in eigenen Vereinen zusammen, in denen sie neben Turnen und Kraftsport auch Ballspiele und Leichtathletik ausübten. Die Gründung eines eigenen Arbeiter-Turn- und Sportbundes 1893 liess folgerichtig nicht lange auf sich warten.
1907 fanden sich im damals noch hannoveranischen Blumenthal wackere Männer zusammen: Friedrich Tedsen, Johann Schmoolz, Julius Westfal, Eduard Fritz, Conrad Vogt, Erich Witte, Albert und Willi Gossler. Sie hoben in der Gaststätte Hesse (heute Hotel Union) den „Arbeiter-Turnverein Freie Turner Blumenthal“ aus der Taufe, dessen 1. Vorsitzender Friedrich Tedsen wurde. Leicht war es für den jungen Vorstand nicht, denn Vereine der Arbeiterklasse wurden von den preussischen Staatsorganen sehr genau beäugt. Im Saal der Gaststätte wurde dann auch zweimal wöchentlich geübt. Man hatte einen Barren, ein Pferd und einen Bock.
Penibel wurde das Sporttreiben von der Gendarmerie kontrolliert, denn nach dem damaligen strengen Vereinsgesetz war es den Vorturnern verboten, Jugendliche unter 16 Jahren zu Unterricht. Das hatte zur Folge, dass sich manch ein 14jähriger auf polizeilicher Nachfrage zwei Jahre älter machte.
Nur drei Jahre später (1910) wurde der Spielmannszug der Freien Turner gegründet. Fünf Spielleute scharten sich um den Stabführer Richard Detka und erfreuten Turner und Bürger mit mitreissenden Klängen.
(Zwischen-) Kriegszeiten
Der erste Weltkrieg riss große Löcher in die Reihen der FTB. Viele Männer starben in den Schützengräben und das Vereinsleben kam fast zum erliegen. Doch in der neuen Schulturnhalle am Schillerplatz (die heutige Halle Heidbleek zwischen Polizei und Feuerwehr) sollte die neue Wirkungsstätte für die Sportler werden. 1919 kam es dann zum Zerwürfnis mit Mitgliedern, die eine Fußballabteilung eröffnen wollten. Diese traten aus und gründeten schliesslich den Blumenthaler Sportverein. Doch die Freien Turner hatten sich zu diesem Zeitpunkt schon zu einer Grossfamilie geformt. Solidarität wurde groß geschrieben. Mitglieder wie Richard Sasse, Wilhelm Ullrich, Hermann Hoinka, Erich Dymalla, die über 60 Jahre dem Verein treu geblieben sind, trugen diese Idee in die „goldenen Zwanziger“.
1922, der Verein bestand gerade 15 Jahre, wurde die Vereinsfahne geweiht. Sie zeigt auf der einen Seite das Abzeichen des Arbeiter-Turn- und Sportbundes und auf der anderen seine Losung: F.F.S.T. (frisch, frei, stark, treu) zusammen mit den zum Brudergruss gereichten Händen und der aufgehenden Sonne. Hier zeigte sich wieder deutlich, dass die Wurzeln in der Arbeiterklasse lagen. Die heute noch verwendete Vereinsnadel zeigt das Wappenschild des Arbeiter-Turn- und Sportbundes mit dem F.F.S.T.-Kreuz. Zu diesem Zeitpunkt gab es auch schon eine sehr aktive Turnerinnen-Abteilung.
1930 wurde endlich ein Traum war. In einjä hriger mühevoller Eigenarbeit entstand ein Sportplatz auf einem Gelände am Müllerloch, das bis dahin als Schuttabladepl atz gedient hatte. Dafür leisteten die Mitglieder 20.000 Stunden Arbeitsdienst. Damals gesellte sich sogar eine Wassersportabteilung zu den Freien Turner, die dort ebenfalls ihren Liegeplatz hatte. Also feierte man 1932 gemeinsam das 25jähre Bestehen und die Einweihung des eigenen Sportplatzes auf der Bahrsplate.
Der grosse Schnitt kam dann 1933 mit der Zwangsauflösung durch die Nationalsozialisten. Im Bestreben, alle Vereine gleichzuschalten und der diktatorischen Staatsmacht zu unterwerfen wurde das gesamte Vermögen der FTB eingezogen. Mit der Zwangsauflösung gingen dem Verein Vermögens- und Sachwerte in der Höhe von fast 22.000 Mark verloren (Zum Vergleich: damals konnte von diesem Geld eine dreiköpfige Familie mindestens 7½ Jahre leben und davon Miete, Heizung, Essen, Kleidung, Steuern und Versicherung bezahlen!). Schliesslich sollten die Symbole der Arbeitersportvereine eingesammelt und öffentlich verbrannt werden.
Vor diesem Schicksal konnte die Fahne durch beherztes Eingreifen bewahrt werden. Das kostbare Tuch wurde von einem Anhänger des Regimes in einem Kleiderschrank bis zur geplanten Verbrennung gelagert. Mutige Vereinsmitglieder brachten dann in einer regelrechten Nacht- und Nebelaktion die traditionsreiche Fahne in ihre Gewalt. Sie wurde erst einmal in einem Hühnerstall vergraben, denn das scharrende Federvieh verwischte alle verräterischen Schaufelspuren. Es heisst, der Fahnenträger sei von den Nationalsozialisten eingekerkert worden, um über den Verbleib der Fahne Auskunft zu geben, was er aber offensichtlich nicht tat. Den Krieg überstand das Vereinssymbol schliesslich eingemauert in der Kellerwand des Hauses eines Vereinsmitglieds. Diverse Flecken im Tuch zeugen heute noch von dem dunklen Verliess und diesem schlimmen Kapitel deutscher Geschichte.
Wiedergründung 1949
Auf der ersten Mitgliederversammlung nach dem 2. Weltkrieg am 23.10.1949 wurden in den Vorstand gewählt: Lorenz Vey (1. Vorsitzender), Albert Hoinka (2. Vorsitzender), Hermann Waldeck (Kassierer) und Richard Drabent (Schriftführer). Hinzu kamen Erich Okunnek (Turnwart) und als Spartenleiter der Schwerathletik Wilhelm Ullrich. Diese Sportarten bildeten auch die Grundlage für den ersten Übungsbetrieb. Die ersten Geräte wurden zum Lüssumer Grund geschafft. 1950 kam als weitere Sportstätte die neu erbaute Turnhalle der Schillerschule (heute Heidbleek) hinzu. Der Sportplatz an der Weser war jedoch in den Jahren zweckentfremdet worden und so für den Verein für immer verloren.
Das Angebot der Freien Turner an sportlicher Betätigung war stets gross. Getragen von den Vorsitzenden Artur Baumgart, Hermann Hoinka, Willi Ullrich und Günter Schaper kamen nun aber Sportarten unterschiedlichsten Charakters hinzu. Neben den bis heute betriebenen Ertüchtigungen wie Gewichtheben, Ringen, Judo, Gymnastik für Frauen, Herren und Seniorinnen, und das Kinderturnen wurden zeitweilig auch Faustball, Boxen, Jiu-Jitsu, Karate, Basketball, und Beatgymnastik geübt.
Es gab sogar eine Leistungsriege Turnen und einen Musikzug, der später die Grundlage für das Blasorchester des SAV bildete. Bis 1971 kamen die FTB in der Schule am Pürschweg unter. Dann erfolgte der Umzug in die neu gebaute Turnhalle an der Lehmhorster Straße. Eine Reihe von Jahren gab es sogar eine besinnliche Vereinsweihnachtsfeier mit Musik, Theaterspiel und Weihnachtsmann.
Moderne Zeiten
Zwar konnte die Mitgliederstärke der goldenen Jahre nicht mehr erreicht werden, doch das Bestreben an die Erfolge auf Bezirks- und Landesturnfesten der Vorkriegszeit anzuknüpfen wurde mehr als erfüllt. Gewichtheben, Ringen, Judo und Karate wurden bzw. werden noch als Leistungssport betrieben. Zahlreiche Titel, darunter Norddeutsche und Deutsche Meistertitel konnten gesammelt werden, bis hin zum Europameister im Gewichtheben den Frank Kuchta errang. Von ihm allein wurden 29 deutsche Rekorde aufgestellt und 11 Meistertitel erkämpft.
Der Spielmannszug ist weit über die Grenzen Bremen-Nords bekannt und beliebt. Die Judoabteilung lockt heute mit ihren Turnieren sogar Teilnehmer aus dem Rheinland und den Niederlanden in unser kleines und beschauliches Blumenthal.
Heute wird der Verein vom Breiten- und Leistungssport geprägt, den er an drei Standorten ausübt: der Turnhalle Heidbleek, die Schulturnhalle Lehmhorster Straße und dem Übungsraum in der Schule Lüder-Clüver-Straße. Das Bestreben, den Mitgliedern ein abwechslungsreiches Angebot bei günstigen Beiträgen zu bieten konnte bis heute erfüllt werden, was auch auf die ehrenamtliche Tätigkeit der Mitglieder zurückzuführen ist. Manch eine Sparte wurde aus der Initiative von Mitgliedern geboren (z.B. Seniorinnen- und Herrengymnastik, Kinderfitness und Tischtennis). Dabei war stets ein Ziel, auch die Jugend an die sportliche Ertüchtigungen heranzuführen. Das zahlt sich schliesslich aus. Denn wer soll sonst das Erreichte übernehmen und auch in der Zukunft pflegen, wenn nicht die Kinder und Jugendlichen?! Es ist uns gelungen mit dem Spielmannszug, der Kinderfitness, dem Einradfahren und dem Judo die jüngeren Jahrgänge an den Verein und sogar an die Vereinsarbeit heranzuführen.
Aber auch das „außersportliche“ Vereinsleben wird bis heute gepflegt. Die gemeinsamen Kohlfahrten, Sommerfeste, der schon traditionelle Laternenumzug und die Mitgliederehrungen mit Heringsessen sind Bestandteile, die von allen Altersstufen und Abteilungen sehr gut angenommen werden, und sind Gelegenheiten, wo man sich trifft und gerne austauscht. Viele zusätzliche Aktivitäten in den Abteilungen (z. B. Fahrten des Spielmannszuges, Teilnahmen am Freimarktsumzug und Unternehmungen der Seniorinnengymnastik) stärken die Gemeinschaft und pflegen das, was sich die Freien Turner seit ihrer Gründung immer bewahrt haben: den familiären Charakter.
Doch wie konnten die Freien Turner 100 Jahre jung bleiben? Neben der solidarischen Grundeinstellung, dem Dickkopf etwas durchzusetzen und dem Mut, Herausforderungen anzugehen, gibt es eine einfache Regel: Bewährtes erhalten, Neues ausprobieren und Unbekanntem offen gegenüberstehen!
Wir laden Sie nun ein, unser Angebot auszuprobieren und Gemeinschaft zu erleben. Wir laden Sie ein, mit uns Schwung zu nehmen für die nächsten hundert Jahre!
(Holger Gatz)
Wir sind für Sie da – im Herzen Blumenthals!
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